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BEHIND THE LIGHT

 

Es war ein bewölkter und warmer Sommertag, der sich perfekt zum Joggen eignete. Ich lief also meine übliche Runde. Von meinem Haus bis zum Wald an der Stadtgrenze und wieder zurück. Das waren vier Kilometer. Wie immer lief ich allein. Ich war nie sonderlich beliebt gewesen, das hatte sich auch hier in diesem kleinen Kaff – ich zog vor sechs Wochen von New York hierher - nicht wesentlich verändert, ich wurde einfach nicht wahrgenommen. Schon gar nicht von der männlichen Bevölkerung. Ich war bald Achtzehn und hatte noch nie einen Freund. Und es störte mich auch nicht. Ich war gern allein.

Während ich knapp 300 Meter zurückgelegt hatte, fing es an in Strömen zu regnen, doch davon ließ ich mich nicht abschrecken. Auch als einen knappen Kilometer später ein schwarzer Umzugswagen mit abgedunkelten Scheiben direkt neben mir durch eine Schlammpfütze fuhr und meinen weißen Trainingsanzug von oben bis unten mit braun-schwarzem Brei bespritzte drehte ich nicht um. Ich lief – dickköpfig wie ich war – ohne Pause weiter bis ich den Wald erreicht hatte und machte eine Verschnaufpause. Ich wollte mich schon wieder auf den Heimweg machen, als plötzlich eine Stimme aus dem inneren des Waldes rief.

>>Hey, du da!<< Die Stimme klang freundlich, sie war warm, samt weich und ... männlich - ich konnte nicht gemeint sein, ich drehte mich nicht um.

>>Du in dem weißen Trainingsanzug!<< drängte die Stimme weiter. Ich merkte das sie jetzt direkt hinter mir ertönte. Jemand tippte mir auf die Schulter.

>>Hallo? Jemand zu Hause?!<< Ich drehte mich um, und plötzlich stand er vor mir – er war wunderschön, wie ein blasser Engel.

>>Meinst du mich?<< fragte ich ungläubig.

>>Nein. Ich rede öfter mal mit Wäldern.<< sagte er lächelnd >>Natürlich meine ich dich. Ich hab dich vorhin beim Joggen gesehen. Der Umzugswagen, der dieses hübsche Muster auf deinen Klamotten hinterlassen hat, gehört meinem Vater, wir sind gerade eben hier her gezogen..<<

>>Na dann, danke sehr.<< sagte ich und musste lachen. Er lachte mit – sein Lachen klang schön, wie ein Glockenspiel. Eine Weile standen wir lachend da. Dann fing er sich wieder.

>>Ich wollte dich eigentlich herein bitten und dir ein Handtuch und etwas zu trinken anbieten. Als kleine Entschädigung.<<

>>Das ist nicht nötig, wirklich. Ich habe eine Waschmaschine.<< Ich habe eine Waschmaschine?! Das war ja mal wieder typisch für mich. Dieser Engel lud mich in sein Haus ein und mir fiel dazu nichts besseres ein als >Ich habe eine Waschmaschine<?

>>Doch es ist nötig. Komm bitte mit. Du willst mich doch nicht mit einem solch schlechtem Gewissen hier zurücklassen.<< fragte er wieder mit einem bezaubernden Lächeln auf den Lippen.

>>Na gut. Aber nur wenn es dir keine Umstände macht.<<

>>Tut es nicht.<< Er führte mich durch den Wald zu einem großen, weißen Gebäude.

>>Wow.<< staunte ich und merkte das mein Mund offen stand. Ich wurde rot – sehr rot – auf meinem blass cremefarbenen Gesicht fiel das noch deutlicher auf als bei anderen Menschen.

>>Nicht schlecht, oder?<< sagte er und zwinkerte mir zu. Jetzt bemerkte ich, dass seine Augen gold-braun waren und es sah aus als hätten sie einen flüssigen, honigfarbenen Kern.

>>Das ist ... beeindruckend.<< sagte ich und gab mir keine große Mühe meine Bewunderung zu verbergen. Wir gingen weiter, am Eingang angekommen hielt er mir die Tür auf. Anscheinend war er nicht nur außerordentlich attraktiv, er war auch noch ein Gentlemen.

Wir kamen in einen großen Raum – wahrscheinlich das Wohnzimmer. >>Wow.<< sagte ich wieder >>Das ist ja fast ein Palast.<< Die Wände waren abwechselnd Rot und Besch gestrichen, der Boden war mit schwarzem Parkett ausgelegt. Er zeigte auf ein großes weißes Ledersofa vor dem ein eleganter Glastisch stand.

>>Setz dich doch schon mal, ich hole ein Handtuch.<< sagte er freundlich, ich nickte und setzte mich. Als er wieder kam hatte er ein Handtuch und ein Glas Wasser in den Händen. Er stellte das Glas auf den Tisch und reichte mir das Handtuch.

>>Ich heiße übrigens Jasper Karleil.<<

>>Jocelyn Taylor.<< Ich wollte das Handtuch auf den Tisch legen und stieß dabei mein Glas um. Was daraufhin klirrend zu Boden fiel.

>>Tut mir Leid.<< murmelte ich und wir knieten uns gleichzeitig hin um die Scherben aufzuheben. Wir griffen im selben Moment zur gleichen Scherbe. Unsere Finger berührten sich für einen kurzen Augenblick. Ich zuckte zusammen, seine Haut war hart und eiskalt.

>>Lass mich das machen, du schneidest dich sonst noch.<< sagte er besorgt und ich zog meine Hände zurück.

>>Du hast kalte Hände.<< sagte ich immer noch peinlich berührt. Er nickte nur und blickte nicht auf.

Als er die Scherben weggeräumt hatte schaute er erst zum Fenster und blickte mir dann tief in die Augen >>Es hat aufgehört zu regnen. Hast du Lust auf einen Waldspaziergang?<< fragte er. Ich nickte.

 

Nachdem wir ca. einen halben Kilometer zurückgelegt hatten und uns unterhalten hatten, kamen wir an eine Klippe. Sie war geschätzte 70 Meter hoch und unter ihr lag ein riesengroßer See. Ich war noch nie hier gewesen. Ich beugte mich über die Klippe. Es waren nur ein paar Zentimeter, die ich mich zu weit herüber beugte. Ich verlor das Gleichgewicht und fiel.

>>Jocelyn!<< hörte ich Jasper schreien. Ich knallte einmal mit dem Kopf gegen die felsige Wand. Mir wurde bewusst, dass mein Leben wahrscheinlich in wenigen Sekunden enden würde und wollte meinen letzten Gedanken gezielt aussuchen. Ich versuchte mir ein Bild meiner Eltern ins Gedächtnis zu rufen, doch alles woran ich denken konnte war, dass ich Jaspers engelsgleiches Gesicht nie wieder sehen würde und in dem Moment ging es mir auf. Ich war verknallt. Natürlich. Es war nicht einmal überraschend, dass ich mich jetzt – nur noch wenige Sekunden von meinem Tod entfernt – in einen Jungen verknalle, der wenigstens ansatzweise Interesse an mir zeigte. Ich war eben ein richtiger Tollpatsch. Meine Gedanken wurden schlagartig unterbrochen, als mein Rücken auf etwas hartes und kaltes aufschlug. Nach ein paar Minuten wunderte ich mich, dass ich nicht starb. Ich hatte nicht einmal wirkliche Schmerzen. Nur ein leichtes Ziehen im Rücken. Ich schlug die Augen auf. Ich lag in Jaspers Armen. Wir standen auf einem kleinen Felsvorsprung, der aus der Klippe ragte. Ich wollte etwas sagen, doch in dem Moment als ich den Mund öffnete, sprang er mit einem Satz wieder hoch auf die Klippe und als wäre der Sturz noch nicht peinlich genug gewesen, verschluckte ich mich auch noch vor Schreck an meinem eigenen Speichel und fing an zu husten. Obwohl es „bellen“ irgendwie besser traf.

Er legte mich sachte auf den Boden.

>>Jocelyn? Jocelyn, hörst du mich? Jocelyn. Hörst du?<< sagte er leise. Ich hatte garnicht bemerkt, dass ich meine Augen wieder geschlossen hatte. Ich machte sie erneut auf und sah sein bleiches Gesicht dass nur wenige zentimeter von meinem entfernt war – aus der Nähe wirkte es sogar noch blasser. Ich drehte meinen Kopf zur seite, um sicher zu stellen, dass ich ihn nicht ausversehen anspuckte.

»Alles in Ordnung … lass mich nur kurz...« mehr brachte ich nicht heraus. Ich hustete immer noch wie wild.

Als mein Hustenanfall langsam zu Ende ging, schaute ich ihn an, sein Gesicht hatte sich wieder entspannt.

»Gehts wieder?« sagte er mit seiner Honig-Stimme.

»Ja...« krächste ich und räusperte mich. »Aua...« Mein Hals tat weh.

»Ich bring dich lieber wieder ins Haus. Du erkältest dich noch.«

Ich wollte gerade widersprechen und mich verabschieden um der Peinlichkeit meines Sturzes und dem darauf folgenden Hustenanfall zu entkommen, als mir auffiel, dass es wieder angefangen hatte zu regnen und ich völlig durchnässt war.

Ich nickte. »Okay.«

Er reichte mir seine Hand und half mir auf. Ich war noch ziemlich wackelig auf den Beinen, lehnte aber seine Hilfe ab. Im Haus führte er mich zum Badezimmer und sagte mir, ich solle dort warten. Nach ein paar Minuten, kam er mit einem Haufen Damenkleidung auf dem Arm zurück.

»Hier.« sagte er und drückte mir den Stapel in die Hand. »Was trockenes zum Anziehen.«

»Danke.« Ich lächelte und ging ins Bad. Und wieder entfuhr mir ein leises »Wow«. Was er wahrscheinlich gehört hatte – ich hörte ihn durch die geschlossen Tür kichern. Das Badezimmer war ein Traum. Ich schaute mich um und kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Es war eher dunkel gehalten – Mahaghoni und Marmor. Das Wort Badezimmer wurde diesem Ort nicht einmal annähernd gerecht. Es war ein wahres Kunstwerk. Ich fuhr zusammen, als es an der Tür klopfte.

»Jocelyn? Alles klar bei dir?« rief Jasper und klang ernsthaft besorgt.

»Ja. Ich bin gleich soweit.«

Ich zog mich im Eilverfahren um. Dann zog ich die Taschen-Haarbürste aus der Hosentasche meiner Jogginghose und versuchte das Beste aus dem Büschel zu machen, der das Wort Frisur nicht mehr verdiente. Nach ein paar Minuten hatte ich es geschafft, einen halbwegs passablen Pferdeschwanz zu fabrizieren. Ich war überrascht. So schlimm sah ich gar nicht mehr aus. Jasper hatte mir eine weiße Bluse, eine graue Jeans-Weste, eine schwarze jeans und schwarze ballerinas gebracht. Die sachen passten wie angegossen.

Ich nahm meine verdreckten Sportsachen – ich hatte schon beim Kauf geahnt, dass ein weißer Jogginganzug nicht unbedingt clever war – und ging zu ihm ins Wohnzimmer.

»Wow...« sagte er. Und klang ebenso beeindruckt, wie ich als ich dieses Haus – diesen Palast betreten hatte.

Ich wurde rot. »Danke.« sagte ich verschämt.

Er lächelte. Doch ich sah die besorgnis in seinem Blick. Ich konnte mir nicht erklären was mit ihm los war. Doch dann fiel mir etwas ein. Als er mich auffing, standen wir auf einem Felsvorsprung … und dann waren wir wieder auf der Klippe. Er war gesprungen … oder nicht – aber wie sonst sollten wir wieder auf der Klippe gelandet sein?

Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, ich wollte das ganze erstmal in Ruhe durchdenken und sagte »Danke dass du … dass du mich … naja … danke.« - das mit dem nichts anmerken lassen sollte ich besser noch mal üben.

»Ähm, ich bin froh, dass dir nichts passiert ist.«

»Ich … ich denke … ich werde das... « ich hielt meinen nassen jogginganzug hoch. »mal nach hause bringen.« ich lächelte. »Soll ich dir die sachen morgen zurückbringen?« sagte ich, in der Hoffnung das ich einen guten Grund gefunden hatte um ihn wiederzusehen.

»Die kannst du behalten. Sie gehören meiner Schwester, aber sie wollte sie sowieso wegschmeißen.«

»Oh.« sagte ich. Das konnte ich dann wohl getrost vergessen. Eigentlich überraschte mich das auch nicht. Schließlich war ich es ja gewohnt zurückgewiesen zu werden. »Naja... Dann … danke.« ich drehte mich in Richtung Ausgang.

Er stand auf um mich zur Tür zu begleiten. Als ich draußen war murmelte ich leise »Bis dann.« ich drehte mich um und wollte gerade losgehen, als er plötzlich sagte »Weißt du, eigentlich möchte ich die Kleider doch gern wiederhaben. Vielleicht könntest du sie mir ja morgen vorbei bringen und dann könnten wir ja vielleicht … naja … zusammen rumhängen oder so...?« er lächelte schüchtern und mir verschlug es sofort den Atem. »Ähm, ja … ja, klar... gerne.« ich erwiderte sein lächeln und wurde rot – schon wieder. »Bis morgen dann...?« sagte ich, obwohl es mehr wie eine Frage als eine Feststellung klang.

»Bis morgen.« sagte er. Er lächelte immernoch.

»Okay...« gluckste ich. Dann machte ich mich auf den Weg. Trotzdem, dass ich jetzt ging anstatt zu laufen, kam mir der Weg jetzt kürzer vor. Vorher hatte mein Verstand ja auch nicht wirklich was zutun aber jetzt arbeitete mein Gehirn auf hochtouren...

 

Fortsetzung folgt...

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